Was ist das Glück?

Wir hat­ten uns im Super­markt bemerkt, kann­ten uns aber nicht und wenn wir uns tra­fen, war das ein Zufall. Wir tra­fen uns nicht allein, wir rede­ten durch­ein­an­der und lach­ten viel. Es genüg­te, ein­an­der sym­pa­thisch zu fin­den und ähn­li­che Wün­sche fest­zu­stel­len – eine Absicht war nicht dabei. Dann fin­gen wir an, uns zu ver­ab­re­den. Wir ver­ab­re­de­ten uns häu­fi­ger und freu­ten uns dar­auf. Bei­läu­fig stell­ten wir fest, dass wir bei­de uns freu­ten. Nicht mehr nur der Zufall ver­half uns so zu einem Ren­dez­vous, wir rech­ne­ten nun mit­ein­an­der. Wir stell­ten uns gemein­sa­me Rei­sen vor, eine gemein­sa­me Woh­nung in der Tür­kei, ein bestän­di­ges, hel­les, geflü­gel­tes Leben zu zweit. Gehör­ten wir zusam­men? Ja, nein und viel­leicht – es gab kei­ne Ant­wort. Wir stell­ten fest, dass wir nichts von­ein­an­der wuss­ten. Was wir von uns erzählt hat­ten, war nicht genug, wir woll­ten wis­sen, wer der ande­re war. Die anfäng­li­che Ver­traut­heit erschien uns schwach, die Ver­gan­gen­heit des andern gefähr­lich dun­kel. Unse­re Sorg­lo­sig­keit war in Gefahr. Hast du mir die Wahr­heit gesagt? Liebst du mich, und wen liebst du noch? Liebst du mich wirk­lich? Kannst du denn wis­sen, ob du mich wirk­lich liebst? Lie­ben wir uns oder sind wir bloß ver­liebt? Wir lagen schlaf­los in unse­ren Woh­nun­gen und schick­ten uns Text­nach­rich­ten auf unse­re Han­dys. Wir lagen neben­ein­an­der auf dem Bett und ver­such­ten die Lie­be oder ver­such­ten sie nicht. War es denn mög­lich, dass wir zusam­men leb­ten? War die Lie­be Wirk­lich­keit? War nicht alles Täu­schung und Illu­si­on, ein ein­zi­ges Regen­bo­gen­wet­ter der Gefüh­le? Und was war das Glück, das wir erfah­ren hat­ten, so boden­los, ver­letz­lich und unbe­stän­dig? Das Glück war eine Sache, die wir über­le­ben woll­ten.

Salo­ni­ka 1881 Restau­rant, Kalkan, Kaş/Antalya, 04.08.2023