Mersin, damals

Hin­ter der grie­chisch-ortho­do­xen Kir­che fuhr die Kut­sche klap­pernd an gro­ßen Kauf­manns­häu­sern vor­bei, eini­ge halb ver­las­sen, die meis­ten ver­fal­len. In der Ecke eines jeden Hau­ses, so schien es, wohn­te eine alte Dame, die man kann­te – Madame Dora, Madame Rita, Madame Fifi, Madame Juli­et­te, Madame Vir­gi­nie. Es war eine schat­ti­ge Stra­ße und in den Bäu­men gurr­ten die Tur­tel­tau­ben. Wir fuh­ren wei­ter. Huf­ge­trap­pel und der sanf­te Geruch von Pfer­de­mist stieg von der Stra­ße auf, bis wir nach Cam­li­bel kamen, einem klei­nen ova­len Park, umge­ben von Vil­len mit Gär­ten, die von Obst­bäu­men und Bou­gain­vil­leen über­wu­chert waren.

ehem. ital. Kon­su­lat, Kül­tür Mah., Akde­niz, 23.06.2026

So war Mer­sin damals im Gro­ßen und Gan­zen: eine Vier­tel­stun­de Fahrt mit der Kut­sche oder fünf Minu­ten mit einem lang­sam fah­ren­den Wagen. Ein ruhi­ger Hafen mit wei­ßen Stein­vil­len und üppi­gen Gär­ten, ein­fa­chen Hüt­ten und Maul­tie­ren, deren Sat­tel­ta­schen mit Pfir­si­chen bela­den waren, mit Kar­ten­spie­len und Geplau­der in ver­schie­de­nen Spra­chen – eine Stadt, die im Früh­ling nach Oran­gen­blü­ten duf­te­te.

Hami­di­ye Mah., Akde­niz, 23.06.2026

Auf der Haupt­stra­ße, der Ata­türk Cad­de­si, fuhr man fast ohne moto­ri­sier­ten Ver­kehr vor­bei am Toros Hotel, des­sen Umbau – zwei gro­ße, alte Kalk­stein­häu­ser wur­den abge­ris­sen und durch ein ein­zi­ges, brand­neu­es, vier­stö­cki­ges Gebäu­de mit 53 Zim­mern ersetzt – erst kürz­lich fer­tig­ge­stellt wur­de. Die ein­zi­gen Fahr­zeu­ge auf der Stra­ße waren Drosch­ken, genau­er gesagt rot­spei­chi­ge Kut­schen, die von zwei mit Scheu­klap­pen ver­se­he­nen und bis zur Erschöp­fung gepeitsch­ten Pfer­den gezo­gen wur­den.

Nach­dem man die Pal­men­al­lee an der Kaser­ne pas­siert, das aus­ge­trock­ne­te Fluss­bett über­quert und das Sta­di­on pas­siert hat­te, tauch­te man, beglei­tet vom ohren­be­täu­ben­den Qua­ken der Frö­sche, kilo­me­ter­weit in Oran­gen- und Zitro­nen­hai­ne ein, an deren Rän­dern Granatapfel‑, Grapefruit‑, Man­da­ri­nen- und Mis­pel­bäu­me gepflanzt waren.

Dann kamen die Dör­fer Mezit­li, Elv­an­li und Erdem­li, wäh­rend die Aus­läu­fer des Tau­ru­s­ge­bir­ges immer näher rück­ten, bis nach fast einer Stun­de Fahrt das Acker­land ende­te und das Meer die Land­schaft mit Buch­ten durch­zog, die an ihrem Zusam­men­fluss mit Süß­was­ser­bä­chen tür­kis­blau leuch­te­ten, wäh­rend rechts die Küs­ten­stra­ße von mit wil­den Oli­ven­bäu­men bedeck­ten Fel­sen, Sar­ko­pha­gen, Basi­li­ken, Aquä­duk­ten, Bur­gen, Bögen, Mosai­ken, Tem­pel­rui­nen und Geis­ter­dör­fern gesäumt wur­de.

Joseph O’Neill: Blood-Dark Track (2001)