Mut zum Leben


Von jeher hat der Mensch seine Freiheit, seine Vernunft, seinen Mut und seine Grenzen erprobt und die Probe sogar als Effektivitätsbeweis für den Mut ersonnen. Und heute? Kaum noch Spiel- und Leerraum, wenig Zeit für nichts. Unterschreiben Sie einfach den Vertrag an der angegebenen Stelle. Vergessen Sie nicht, dass Ihre Entscheidungen nicht nur Sie selbst angehen, sondern auch die anderen. Das Risiko ist eine altmodische Romantik für Erwachsene, die nicht erwachsen werden und keine Verantwortung übernehmen wollen. Niemand will mehr der Gefahr ins Auge sehen. Auch diesen Mut haben wir uns nicht bewahrt.
Schon gar nicht wollen wir unser Leben riskieren, obgleich dieser Ausdruck zu den schönsten unserer Sprache gehört. Bedeutet er zwingend, dass man sich dem Tod stellt – und überlebt? Oder wohnt dem Leben selbst eine geheime Vorrichtung inne, eine Musik, die für sich genommen allein imstande ist, das Dasein auf jene Kampflinie zu verschieben, die Begehren heißt? Denn das Risiko stößt in einen unbekannten Raum vor. Das Risiko ist ein Kampf, bei dem wir den Gegner nicht kennen, ein Begehren, das uns selbst nicht bewusst ist, eine Liebe, deren Gesicht uns verborgen bleibt, ein reines Ereignis.
Anne Dufourmantelle: Lob des Risikos (2018)