Verliebt ist, wer wartet

Die Schick­sals­i­den­ti­tät des Lie­ben­den ist genau dies: Ich bin der, der war­tet. Das War­ten ist eine Behe­xung: ich habe den Befehl erhal­ten, mich nicht zu rüh­ren. Die Abwe­sen­heit wird zur akti­ven Pra­xis, zur Geschäf­tig­keit (die mich hin­dert, irgend etwas ande­res zu tun); es kommt zur Aus­ar­bei­tung einer Fik­ti­on mit viel­fäl­ti­gen Rol­len (Zwei­feln, Vor­wür­fen, Anwand­lun­gen von Begier­de und Melan­cho­lie).

Denn wer war­tet, spielt unbe­wusst immer die Mög­lich­keit durch, ver­las­sen wor­den zu sein. Das War­ten der Lie­ben­den knüpft an das ers­te über­wäl­ti­gen­de Fort­sein der Mut­ter an. Nur ein kur­zer Augen­blick, heißt es, schei­det die Zeit, in der das klei­ne Kind sei­ne Mut­ter noch für abwe­send hält, von dem Moment, in dem es sie tot glaubt. Jedes War­ten auf eine gelieb­te Per­son rührt von Fer­ne an die­se Erfah­rung.

Roland Bar­thes: Frag­men­te einer Spra­che der Lie­be (1977)

Dilek Küçü­kyıl­maz, Ahmet Yeşil Sanat Gale­ri­si, Limon­luk Mah., Yenişe­hir, 09.04.2026