Verliebt ist, wer wartet
Die Schicksalsidentität des Liebenden ist genau dies: Ich bin der, der wartet. Das Warten ist eine Behexung: ich habe den Befehl erhalten, mich nicht zu rühren. Die Abwesenheit wird zur aktiven Praxis, zur Geschäftigkeit (die mich hindert, irgend etwas anderes zu tun); es kommt zur Ausarbeitung einer Fiktion mit vielfältigen Rollen (Zweifeln, Vorwürfen, Anwandlungen von Begierde und Melancholie).
Denn wer wartet, spielt unbewusst immer die Möglichkeit durch, verlassen worden zu sein. Das Warten der Liebenden knüpft an das erste überwältigende Fortsein der Mutter an. Nur ein kurzer Augenblick, heißt es, scheidet die Zeit, in der das kleine Kind seine Mutter noch für abwesend hält, von dem Moment, in dem es sie tot glaubt. Jedes Warten auf eine geliebte Person rührt von Ferne an diese Erfahrung.
Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe (1977)
