Unser Dasein

Die Arbeit lässt einen los. Man geht allein durch sein Zim­mer, blickt die Schrän­ke an, die Bücher, den Tisch, die Stüh­le. Es ist sehr still im Haus. Da kann man sich am Tisch nie­der­las­sen. Der Blick irrt über die Tisch­plat­te. Da ist nichts, was einen lockt. Brie­fe schiebt man bei­sei­te. Auch kei­ne Bücher. Es ist nicht ihre Zeit. Wes­sen Zeit ist eigent­lich? Die Din­ge wei­chen von einem ab. Sie wol­len ange­se­hen sein. Man müss­te nach­den­ken. Da ist auch ein Jemand, der will die Bei­ne aus­stre­cken, will aus­span­nen – ich. Wofür ist eigent­lich Zeit? Zu sich zu kom­men. »Zu sich«, merk­wür­di­ges Wort. Ja, ich will nach­den­ken. Da ist der Schreib­tisch, die Tisch­lam­pe. Das Zim­mer ist um mich. Die Din­ge wer­den ange­ru­fen. Ein Fra­gen beginnt. Unten fährt ein Last­wa­gen. Ein Auto tutet. Ich. Ich. Ich den­ke nach, ich füh­le nach. Was ist mit mir? Sonst sind Din­ge und Hand­lun­gen um einen. Man muss sich her­aus­zie­hen aus ihnen, um sie zu bemer­ken und um sich zu bemer­ken.

Aros 26, Viranşe­hir Mah., Mezit­li, 09.10.2026

Wer ist das, was hier fragt? Ich – ich bin ein Mann, von einem bestimm­ten Alter, dann und dann gebo­ren, mit die­ser Kind­heit und die­ser Schu­le. Die­se Erfah­run­gen habe ich hin­ter mir, in aller­hand Tätig­kei­ten habe ich mich getum­melt, jetzt in die­ser Stun­de ist etwas Ruhe. Aus die­sen Tätig­kei­ten und Erfah­run­gen musst du dich her­aus­he­ben. Du tust dies, du tust das, in tau­send Din­ge wirst du zer­ris­sen, es schmet­tert um dich ein Lärm, von Stra­ßen­ge­räu­schen, von Schlag­wor­ten. Die­ses Zim­mer ist gut. Sitz ruhig und über­den­ke, wer du bist. Ich? Ich bin vor­han­den in all jenen Tätig­kei­ten, Arbei­ten, Kämp­fen, Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Wer soll ich sein, wenn ich mich da her­aus­ho­le? 

Alfred Döb­lin (1933)