Unser Dasein
Die Arbeit lässt einen los. Man geht allein durch sein Zimmer, blickt die Schränke an, die Bücher, den Tisch, die Stühle. Es ist sehr still im Haus. Da kann man sich am Tisch niederlassen. Der Blick irrt über die Tischplatte. Da ist nichts, was einen lockt. Briefe schiebt man beiseite. Auch keine Bücher. Es ist nicht ihre Zeit. Wessen Zeit ist eigentlich? Die Dinge weichen von einem ab. Sie wollen angesehen sein. Man müsste nachdenken. Da ist auch ein Jemand, der will die Beine ausstrecken, will ausspannen – ich. Wofür ist eigentlich Zeit? Zu sich zu kommen. »Zu sich«, merkwürdiges Wort. Ja, ich will nachdenken. Da ist der Schreibtisch, die Tischlampe. Das Zimmer ist um mich. Die Dinge werden angerufen. Ein Fragen beginnt. Unten fährt ein Lastwagen. Ein Auto tutet. Ich. Ich. Ich denke nach, ich fühle nach. Was ist mit mir? Sonst sind Dinge und Handlungen um einen. Man muss sich herausziehen aus ihnen, um sie zu bemerken und um sich zu bemerken.

Wer ist das, was hier fragt? Ich – ich bin ein Mann, von einem bestimmten Alter, dann und dann geboren, mit dieser Kindheit und dieser Schule. Diese Erfahrungen habe ich hinter mir, in allerhand Tätigkeiten habe ich mich getummelt, jetzt in dieser Stunde ist etwas Ruhe. Aus diesen Tätigkeiten und Erfahrungen musst du dich herausheben. Du tust dies, du tust das, in tausend Dinge wirst du zerrissen, es schmettert um dich ein Lärm, von Straßengeräuschen, von Schlagworten. Dieses Zimmer ist gut. Sitz ruhig und überdenke, wer du bist. Ich? Ich bin vorhanden in all jenen Tätigkeiten, Arbeiten, Kämpfen, Auseinandersetzungen. Wer soll ich sein, wenn ich mich da heraushole?
Alfred Döblin (1933)