Etwas gerät ins Wanken

Was bleibt von einer Demo­kra­tie, wenn ihre Insti­tu­tio­nen fort­be­stehen, deren Bin­dungs­wir­kung jedoch schwin­det? Wenn Regie­run­gen nicht mehr nur die Regeln des poli­ti­schen Wett­be­werbs bestim­men, son­dern zuneh­mend auch dar­über ent­schei­den, wer über­haupt an ihm teil­neh­men darf?

Die eigent­li­che Trans­for­ma­ti­on besteht nicht in der Abschaf­fung demo­kra­ti­scher Insti­tu­tio­nen, son­dern in ihrer schritt­wei­sen Ent­lee­rung. Das Recht wird zu einem Instru­ment nach­träg­li­cher Wahl­kor­rek­tur. Wah­len fin­den zwar statt, ihre Ergeb­nis­se wer­den jedoch admi­nis­tra­tiv, straf­recht­lich oder zivil­ge­richt­lich nach­be­ar­bei­tet. Bür­ger­meis­ter wer­den in Unter­su­chungs­haft genom­men, Stell­ver­tre­ter ein­ge­setzt, Man­dats­trä­ger wech­seln das Par­tei­la­ger. Die Ver­en­gung des poli­ti­schen Raums beschränkt sich dabei längst nicht mehr auf Par­tei­en und Jus­tiz. Sie betrifft auch Uni­ver­si­tä­ten, Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen und sozia­le Bewe­gun­gen.

Der Erfolg der Regie­rung beruh­te lan­ge auf einem öko­no­mi­schen Ver­spre­chen. Als Staats­prä­si­dent Erdoğan 2002 an die Macht kam, kün­dig­te er Sta­bi­li­tät, Wachs­tum und sozia­len Auf­stieg an. Über vie­le Jah­re konn­te er aus­rei­chend Wort hal­ten. Inzwi­schen haben Infla­ti­on, stei­gen­de Lebens­hal­tungs­kos­ten und die anhal­ten­de Wirt­schafts­kri­se jedoch das sozia­le Fun­da­ment ero­die­ren las­sen.

Die aktu­el­le Kri­se ist aber nicht nur eine Wirt­schafts­kri­se, son­dern eine Kri­se des Gesell­schafts­ver­trags, auf dem die Herr­schaft der Regie­rung zwei Jahr­zehn­te lang beruh­te. Je stär­ker des­sen mate­ri­el­le Grund­la­gen schwin­den, des­to wich­ti­ger wird für die Regie­rung die Kon­trol­le über die poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen – und über die Städ­te und Gemein­den. Und umso grö­ßer wird für sie der Anreiz, die Bedin­gun­gen des poli­ti­schen Wett­be­werbs bereits im Vor­feld zu ver­zer­ren.

Sabi­ne Küper-Busch

Mer­sin Büyü­kşe­hir Bel­e­di­ye­si, Kül­tür Mah., Akde­niz, 02.10.2026