Alles für die Katz

Kat­zen brau­chen kei­ne Phi­lo­so­phie. Sie gehor­chen ihrer Natur und sind zufrie­den mit dem Leben, das die­se ihnen schenkt. Beim Men­schen dage­gen scheint Unzu­frie­den­heit mit sei­ner Natur zu die­ser Natur zu gehö­ren. Mit vor­her­seh­bar tra­gi­schen oder lächer­li­chen Ergeb­nis­sen strebt das mensch­li­che Tier unab­läs­sig danach, etwas zu sein, was es nicht ist. Kat­zen bemü­hen sich dar­um nicht. Wäh­rend ein Groß­teil des mensch­li­chen Lebens Stre­ben nach Glück ist, ist Glück bei Kat­zen der Zustand, der sich von selbst ein­stellt, wenn kon­kre­te Bedro­hun­gen für ihr Wohl­be­fin­den besei­tigt sind. Viel­leicht ist das der Haupt­grund, war­um vie­le von uns Kat­zen lie­ben. Kat­zen ist ein Glück ange­bo­ren, das Men­schen oft nicht errei­chen.

Beschränk­te Köp­fe wer­den sagen, der wah­re Grund, war­um Kat­zen nicht phi­lo­so­phie­ren, sei, dass ihnen die Fähig­keit zum abs­trak­ten Den­ken fehlt. Dass Kat­zen die­se Fähig­keit fehlt, ist aber kein Beweis dafür, dass sie uns unter­le­gen sind, son­dern ein Zei­chen von geis­ti­ger Frei­heit.

Viranşe­hir Mah., Mezit­li, 05.09.2026

Das Den­ken in All­ge­mein­be­grif­fen führt leicht zu einem Aber­glau­ben an die Spra­che. Ein Groß­teil der Geschich­te der Phi­lo­so­phie basiert auf der Anbe­tung sprach­li­cher Fik­tio­nen. Kat­zen dage­gen ver­las­sen sich auf das, was sie berüh­ren, rie­chen und sehen kön­nen; sie las­sen sich nicht von Wör­tern beherr­schen.

Wäh­rend ein Strang der natür­li­chen Selek­ti­on zum Men­schen führ­te, führ­te ein ande­rer zum Tin­ten­fisch. In bei­den Fäl­len war nichts vor­her­be­stimmt. Die Evo­lu­ti­on bewegt sich nicht in Rich­tung von Lebens­for­men, die sich ihrer selbst zuneh­mend bewusst sind. Selbst­be­wusst­heit tritt zufäl­lig auf; sie kommt und geht in den Orga­nis­men, die sie besit­zen. Dass Men­schen sich ihrer selbst bewusst sind, könn­te ein ein­ma­li­ger Zufall sein.

Viel­leicht ist die­se Schluss­fol­ge­rung trost­los. Aber war­um soll­te Selbst­be­wusst­heit wich­ti­ger sein als alles ande­re? Sie wird seit jeher über­be­wer­tet. Eine Welt aus Licht und Schat­ten, die ab und zu Lebe­we­sen her­vor­bringt, die sich ihrer selbst par­ti­ell bewusst sind, ist inter­es­san­ter und »erle­bens­wer­ter« als eine, die sich im uner­schüt­ter­li­chen Glanz ihres Spie­gel­bil­des sonnt.

Wenn es sich selbst zuwen­det, steht das Bewusst­sein einem guten Leben im Wege. In einem nicht enden wol­len­den Ver­such, schmerz­haf­te Erfah­run­gen in einen Bereich zu zwän­gen, der vom Bewusst­sein abge­schot­tet ist, hat die Selbst­be­wusst­heit den mensch­li­chen Geist gespal­ten. Der unter­drück­te Schmerz aber ist die Quel­le der Fra­gen nach dem Sinn des Lebens. Im Unter­schied dazu ist der Geist von Kat­zen eins und unge­teilt. Schmerz wird erlit­ten und ver­ges­sen, und die Freu­de am Leben kehrt zurück. Kat­zen brau­chen ihr Leben nicht zu hin­ter­fra­gen, da sie nicht dar­an zwei­feln, dass das Leben lebens­wert ist. Die Selbst­be­wusst­heit des Men­schen hat die immer­wäh­ren­de Unru­he geweckt, von der uns die Phi­lo­so­phie ver­geb­lich zu kurie­ren ver­sucht.

Viranşe­hir Mah., Mezit­li, 18.10.2026

John Gray: Kat­zen und der Sinn des Lebens (2022)