Alles für die Katz
Katzen brauchen keine Philosophie. Sie gehorchen ihrer Natur und sind zufrieden mit dem Leben, das diese ihnen schenkt. Beim Menschen dagegen scheint Unzufriedenheit mit seiner Natur zu dieser Natur zu gehören. Mit vorhersehbar tragischen oder lächerlichen Ergebnissen strebt das menschliche Tier unablässig danach, etwas zu sein, was es nicht ist. Katzen bemühen sich darum nicht. Während ein Großteil des menschlichen Lebens Streben nach Glück ist, ist Glück bei Katzen der Zustand, der sich von selbst einstellt, wenn konkrete Bedrohungen für ihr Wohlbefinden beseitigt sind. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum viele von uns Katzen lieben. Katzen ist ein Glück angeboren, das Menschen oft nicht erreichen.
Beschränkte Köpfe werden sagen, der wahre Grund, warum Katzen nicht philosophieren, sei, dass ihnen die Fähigkeit zum abstrakten Denken fehlt. Dass Katzen diese Fähigkeit fehlt, ist aber kein Beweis dafür, dass sie uns unterlegen sind, sondern ein Zeichen von geistiger Freiheit.

Das Denken in Allgemeinbegriffen führt leicht zu einem Aberglauben an die Sprache. Ein Großteil der Geschichte der Philosophie basiert auf der Anbetung sprachlicher Fiktionen. Katzen dagegen verlassen sich auf das, was sie berühren, riechen und sehen können; sie lassen sich nicht von Wörtern beherrschen.
Während ein Strang der natürlichen Selektion zum Menschen führte, führte ein anderer zum Tintenfisch. In beiden Fällen war nichts vorherbestimmt. Die Evolution bewegt sich nicht in Richtung von Lebensformen, die sich ihrer selbst zunehmend bewusst sind. Selbstbewusstheit tritt zufällig auf; sie kommt und geht in den Organismen, die sie besitzen. Dass Menschen sich ihrer selbst bewusst sind, könnte ein einmaliger Zufall sein.
Vielleicht ist diese Schlussfolgerung trostlos. Aber warum sollte Selbstbewusstheit wichtiger sein als alles andere? Sie wird seit jeher überbewertet. Eine Welt aus Licht und Schatten, die ab und zu Lebewesen hervorbringt, die sich ihrer selbst partiell bewusst sind, ist interessanter und »erlebenswerter« als eine, die sich im unerschütterlichen Glanz ihres Spiegelbildes sonnt.
Wenn es sich selbst zuwendet, steht das Bewusstsein einem guten Leben im Wege. In einem nicht enden wollenden Versuch, schmerzhafte Erfahrungen in einen Bereich zu zwängen, der vom Bewusstsein abgeschottet ist, hat die Selbstbewusstheit den menschlichen Geist gespalten. Der unterdrückte Schmerz aber ist die Quelle der Fragen nach dem Sinn des Lebens. Im Unterschied dazu ist der Geist von Katzen eins und ungeteilt. Schmerz wird erlitten und vergessen, und die Freude am Leben kehrt zurück. Katzen brauchen ihr Leben nicht zu hinterfragen, da sie nicht daran zweifeln, dass das Leben lebenswert ist. Die Selbstbewusstheit des Menschen hat die immerwährende Unruhe geweckt, von der uns die Philosophie vergeblich zu kurieren versucht.

John Gray: Katzen und der Sinn des Lebens (2022)