Çiftlikköy

Von nie­man­dem ange­spro­chen zu wer­den, mit nie­man­dem spre­chen zu müs­sen, wenn man nicht will, emp­fand ich immer als den ent­schei­den­den Vor­zug, den eine Groß­stadt zu bie­ten hat. Selbst in dem Haus, in dem man wohnt, kennt man die Leu­te nur flüch­tig. Anders als auf dem Land, wo jeder alles vom Nach­barn weiß. Oder zu wis­sen glaubt. Die­se Red­se­lig­keit kann einem den letz­ten Nerv rau­ben, es inter­es­siert mich nicht das Gerings­te, wer mit wem und war­um. Anfangs muss man sich schon dar­an gewöh­nen, ganz für sich zu sein, spä­ter will man nicht mehr dar­auf ver­zich­ten, man wird in Ruhe gelas­sen, im Extrem­fall Mona­te tot auf der Couch vor dem lau­fen­den Fern­seh­ge­rät. Nichts ist umsonst.

Çift­lik­köy, Mah., Yenişe­hir, 29.01.2026

Hier in Çift­lik­köy schwimmt es sich auch als klei­ner Fisch gut durchs gro­ße Häu­ser­meer. Man kann durchs Vier­tel lau­fen, ohne dass sich jemand eine Mei­nung dar­über bil­det, wie oft oder wie wenig Sport man macht. Man kann sich aus­su­chen, ob man sich mit sei­nen Nach­barn im Miets­haus anfreun­den oder sie igno­rie­ren möch­te. Denn im Haus leben so vie­le Par­tei­en, es zieht immer wie­der wer ein oder aus und man ist nicht für Jahr­zehn­te an einen Jeder-kennt-jeden-Kos­mos und die Sym­pa­thien sei­ner Bewoh­ner gefes­selt.

Aber das hier, die­ses Grün mit Bäu­men und Kin­der­spiel­plät­zen, die Ruhe zwi­schen den 16-stö­cki­gen Rie­sen­spiel­zeu­gen, die Stich­stra­ßen, auf denen kaum Autos und Men­schen unter­wegs sind?

Das ist nicht Dorf, aber es ist auch nicht Stadt, bloß ein Ort, der in sei­ne Ein­zel­tei­le zer­fällt: Stra­ße, Grün, Hoch­haus. Auf wei­ten Brach­flä­chen, in der künst­li­chen, ste­ri­len Idyl­le zwi­schen ein­zeln ange­ord­ne­ten Häu­ser­blö­cken ent­steht jeden­falls kein städ­ti­sches Leben. Es klingt selt­sam, aber auch eine anony­me Groß­stadt braucht öffent­li­chen Raum und Inti­mi­tät, braucht Läden, Schul­hö­fe, und enge, kur­vi­ge Stra­ßen.