Çiftlikköy
Von niemandem angesprochen zu werden, mit niemandem sprechen zu müssen, wenn man nicht will, empfand ich immer als den entscheidenden Vorzug, den eine Großstadt zu bieten hat. Selbst in dem Haus, in dem man wohnt, kennt man die Leute nur flüchtig. Anders als auf dem Land, wo jeder alles vom Nachbarn weiß. Oder zu wissen glaubt. Diese Redseligkeit kann einem den letzten Nerv rauben, es interessiert mich nicht das Geringste, wer mit wem und warum. Anfangs muss man sich schon daran gewöhnen, ganz für sich zu sein, später will man nicht mehr darauf verzichten, man wird in Ruhe gelassen, im Extremfall Monate tot auf der Couch vor dem laufenden Fernsehgerät. Nichts ist umsonst.

Hier in Çiftlikköy schwimmt es sich auch als kleiner Fisch gut durchs große Häusermeer. Man kann durchs Viertel laufen, ohne dass sich jemand eine Meinung darüber bildet, wie oft oder wie wenig Sport man macht. Man kann sich aussuchen, ob man sich mit seinen Nachbarn im Mietshaus anfreunden oder sie ignorieren möchte. Denn im Haus leben so viele Parteien, es zieht immer wieder wer ein oder aus und man ist nicht für Jahrzehnte an einen Jeder-kennt-jeden-Kosmos und die Sympathien seiner Bewohner gefesselt.
Aber das hier, dieses Grün mit Bäumen und Kinderspielplätzen, die Ruhe zwischen den 16-stöckigen Riesenspielzeugen, die Stichstraßen, auf denen kaum Autos und Menschen unterwegs sind?
Das ist nicht Dorf, aber es ist auch nicht Stadt, bloß ein Ort, der in seine Einzelteile zerfällt: Straße, Grün, Hochhaus. Auf weiten Brachflächen, in der künstlichen, sterilen Idylle zwischen einzeln angeordneten Häuserblöcken entsteht jedenfalls kein städtisches Leben. Es klingt seltsam, aber auch eine anonyme Großstadt braucht öffentlichen Raum und Intimität, braucht Läden, Schulhöfe, und enge, kurvige Straßen.