Ein Tag an der lykischen Küste

Vom Dorf zum Strand enge Stra­ßen, die in Ser­pen­ti­nen an hoch auf­ra­gen­den Fel­sen, an Kie­fern und Johan­nis­brot­bäu­men ent­lang­füh­ren. Wege, die zwi­schen üppi­gen Ole­an­der­bü­schen und dem Son­nen­licht ver­lau­fen. Jemand lacht, ein Hund bellt. Glit­zern­de Son­nen­strah­len auf dem See. Stra­ßen, die gera­de­aus füh­ren oder um Kur­ven her­um, nur um die Zeit anzu­hal­ten. Mau­ern eines halb­fer­ti­gen Hau­ses, Berg­zie­gen, die auf Fel­sen klet­tern, Dör­fer im Hin­ter­land, in denen sich nichts ver­än­dert hat. In den Ter­ras­sen der Stra­ßen­ca­fés der Abdruck nas­ser Glä­ser auf Holz­ti­schen mit abblät­tern­dem Lack. In dei­ner Nase ein Duft von Sal­bei und wil­dem Thy­mi­an. Dann plötz­lich, hin­ter der nächs­ten Kur­ve, tief­blau­es Was­ser, Wel­len und Umris­se von Boo­ten, die auf dem Meer dahin­glei­ten.

İzt­uzu Cd., Daly­an Mah., Ortaca/Muğla, 17.08.2021

Eine Son­ne am Him­mel, die aus­sieht, als hät­te in der Atmo­sphä­re jemand die Luke mit dem tie­fen Blau geöff­net. Sand­kör­ner, die zwi­schen dei­nen Zehen rei­ben. Die Haut über dei­nen Schul­tern und auf der Stirn, die von Son­ne und Salz­was­ser spannt.

Ein Strand, der eigent­lich den Karett­schild­krö­ten gehört, nicht der Fami­lie aus Deniz­li neben dir mit der fla­mingo­far­be­nen Luft­ma­trat­ze oder dem Mann in der schwar­zen Bade­ho­se, der aus­sieht wie Fatih Terim. Sand unter dei­nen Füßen, der sich schon gegen Mit­tag auf­ge­heizt hat. Im Zick­zack vor­bei an Son­nen­lie­gen, Bade­tü­chern und spie­len­den Kin­dern. Das Meer klar und sau­ber und erfri­schend. Mit ein paar kräf­ti­gen Schwimm­zü­gen tauchst du ein in die Gleich­gül­tig­keit der Welt.

Aus eige­ner Kraft schwim­men, sich von der Kopf­haut bis zu den Fuß­soh­len nass machen, sich ver­schlu­cken und prus­ten, das Salz auf den Lip­pen schme­cken, die Fri­sche der Wel­len­schlä­ge am Brust­korb spü­ren, erschre­cken, erschau­dern und dabei laut lachen. Nach See­tang und Salz rie­chen­de Luft ein­at­men, in die Wei­te des blau­en Him­mels hin aus­at­men und dabei von der glei­ßen­den Son­ne geblen­det wer­den.

Vom tür­kis­blau­en Him­mel ein silb­ri­ger Son­nen­wind, der aufs Meer her­ab­weht. Der Strand heiß und staub­hell. Unterm schat­ti­gen Stroh­dach der Strand­hüt­te Men­schen, die nach Was­ser, Tee, Eis oder kal­ter Limo­na­de anste­hen. Der Som­mer macht sorg­los und ist die bes­te Zeit, er war schon immer die bes­te Zeit.

İzt­uzu Pla­jı, Daly­an Mah., Ortaca/Muğla, 12.08.2026

Im Radio lei­se Som­mer­lie­der und eine Nach­mit­tags­son­ne, die auf dem Was­ser des Swim­ming­pools glit­zert und glim­mert. Wir, aus­ge­streckt auf einer Lie­ge; die raben­schwar­ze Son­nen­bril­le als ein­zi­ges Klei­dungs­stück, wie in einem Film von Ülkü Era­kalın aus den 70ern. Ein Duft nach Fei­gen, Zitro­nen und ver­trock­nen­dem Gras, der sich mit der sal­zi­gen Meer­luft ver­mischt, die der Wind ums Gäs­te­haus weht. Dahin­ter eine Allee aus Gra­nat­ap­fel­bäu­men, von der ein klei­ner Weg zu einem Feld mit Myr­then, Zist­ro­sen und Mastix­sträu­chern abzweigt und wei­ter ins Dorf führt, in dem sich ein Dut­zend ocker­far­be­ner Häu­ser um den Markt­platz drängt. In der Fer­ne die kalk­blei­chen Fels­grä­ber der Lykier, die über allem wachen.

Spä­ter, im mil­den Licht des frü­hen Abends und im Däm­mer­schat­ten der Bana­nen­bäu­me ein Spa­zier­gang ins Dorf, um letz­te Mit­bring­sel zu besor­gen, einen Fla­kon des erfri­schen­den Kol­onya viel­leicht, das nach grü­nem Tee und Eisen­kraut duf­tet. Oder die hand­ge­töp­fer­ten, kar­me­sin­rot gla­sier­ten Des­sert­scha­len. Danach, zurück im Haus, eine Fla­sche küh­les Bier oder eine Was­ser­me­lo­ne, wäh­rend im Schilf die Frö­sche qua­ken. Sol­len sie doch. An Schlaf ist in so einer Som­mer­nacht ohne­hin nicht zu den­ken.

Başar Otel, Daly­an Mah., Ortaca/Muğla, 13.08.2026