Ein Tag an der lykischen Küste
Vom Dorf zum Strand enge Straßen, die in Serpentinen an hoch aufragenden Felsen, an Kiefern und Johannisbrotbäumen entlangführen. Wege, die zwischen üppigen Oleanderbüschen und dem Sonnenlicht verlaufen. Jemand lacht, ein Hund bellt. Glitzernde Sonnenstrahlen auf dem See. Straßen, die geradeaus führen oder um Kurven herum, nur um die Zeit anzuhalten. Mauern eines halbfertigen Hauses, Bergziegen, die auf Felsen klettern, Dörfer im Hinterland, in denen sich nichts verändert hat. In den Terrassen der Straßencafés der Abdruck nasser Gläser auf Holztischen mit abblätterndem Lack. In deiner Nase ein Duft von Salbei und wildem Thymian. Dann plötzlich, hinter der nächsten Kurve, tiefblaues Wasser, Wellen und Umrisse von Booten, die auf dem Meer dahingleiten.

Eine Sonne am Himmel, die aussieht, als hätte in der Atmosphäre jemand die Luke mit dem tiefen Blau geöffnet. Sandkörner, die zwischen deinen Zehen reiben. Die Haut über deinen Schultern und auf der Stirn, die von Sonne und Salzwasser spannt.
Ein Strand, der eigentlich den Karettschildkröten gehört, nicht der Familie aus Denizli neben dir mit der flamingofarbenen Luftmatratze oder dem Mann in der schwarzen Badehose, der aussieht wie Fatih Terim. Sand unter deinen Füßen, der sich schon gegen Mittag aufgeheizt hat. Im Zickzack vorbei an Sonnenliegen, Badetüchern und spielenden Kindern. Das Meer klar und sauber und erfrischend. Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen tauchst du ein in die Gleichgültigkeit der Welt.
Aus eigener Kraft schwimmen, sich von der Kopfhaut bis zu den Fußsohlen nass machen, sich verschlucken und prusten, das Salz auf den Lippen schmecken, die Frische der Wellenschläge am Brustkorb spüren, erschrecken, erschaudern und dabei laut lachen. Nach Seetang und Salz riechende Luft einatmen, in die Weite des blauen Himmels hin ausatmen und dabei von der gleißenden Sonne geblendet werden.
Vom türkisblauen Himmel ein silbriger Sonnenwind, der aufs Meer herabweht. Der Strand heiß und staubhell. Unterm schattigen Strohdach der Strandhütte Menschen, die nach Wasser, Tee, Eis oder kalter Limonade anstehen. Der Sommer macht sorglos und ist die beste Zeit, er war schon immer die beste Zeit.

Im Radio leise Sommerlieder und eine Nachmittagssonne, die auf dem Wasser des Swimmingpools glitzert und glimmert. Wir, ausgestreckt auf einer Liege; die rabenschwarze Sonnenbrille als einziges Kleidungsstück, wie in einem Film von Ülkü Erakalın aus den 70ern. Ein Duft nach Feigen, Zitronen und vertrocknendem Gras, der sich mit der salzigen Meerluft vermischt, die der Wind ums Gästehaus weht. Dahinter eine Allee aus Granatapfelbäumen, von der ein kleiner Weg zu einem Feld mit Myrthen, Zistrosen und Mastixsträuchern abzweigt und weiter ins Dorf führt, in dem sich ein Dutzend ockerfarbener Häuser um den Marktplatz drängt. In der Ferne die kalkbleichen Felsgräber der Lykier, die über allem wachen.
Später, im milden Licht des frühen Abends und im Dämmerschatten der Bananenbäume ein Spaziergang ins Dorf, um letzte Mitbringsel zu besorgen, einen Flakon des erfrischenden Kolonya vielleicht, das nach grünem Tee und Eisenkraut duftet. Oder die handgetöpferten, karmesinrot glasierten Dessertschalen. Danach, zurück im Haus, eine Flasche kühles Bier oder eine Wassermelone, während im Schilf die Frösche quaken. Sollen sie doch. An Schlaf ist in so einer Sommernacht ohnehin nicht zu denken.
