Die Frau im Café

Sie steht auf, stellt ihr Glas ab, ein Iced Latte vermutlich, erhebt sich von der Armlehne, dem Felsvorsprung ihres Glücks, der erhöhten Warte, auf der sie sitzt wie ein neugieriger Spatz, mitsamt ihrer Ernsthaftigkeit und ihrem einstudierten Lächeln, die Augen versunken in der Unendlichkeit ihrer Träume, inmitten der verschwommenen Welt ihres vergilbten Polaroid-Lebens mit seinen glanzlosen Rändern, einer Allegorie auf die ewige Liebe. Selbst zu zweit würde sie sich alleine fühlen, wie sie an ihrem Kaffee nippt an diesem wackligen Tisch, verloren wie eine Münze auf dem Asphalt. Jedes Objekt ist Staffage: Die Pastellfarben sind aufeinander abgestimmt, ohne sich zu vermischen, alles ist arrangiert, ohne ein Durcheinander zu bilden, kein störender Widerspruch. Die Zweideutigkeit ihrer Körperhaltung ist vollkommen, das Bild perfekt verwackelt und fahl. Alles ähnelt sich und ist doch vielfältig bis ins Detail, perfekt zusammengesetzt bis hin zur Andeutung eines halben Lächelns, elegant und ebenmäßig. Nichts ragt hervor, keine Haarsträhne, kein Blick. Alles wirkt eingefahren, gestellt. Man ist eben immer auch der, der man werden kann. Weil wir in eine Welt hineingeboren werden, in der sich niemand mehr die Zeit nimmt, der zu werden, der er ist. Weil wir befürchten, für diese Welt zu hässlich zu sein. Und weil die uns ängstigende Andersheit der Anderen dann keine Rolle mehr spielen muss, wenn alle das Gleiche im Sinn haben, nämlich nur auf die eigenen geschwungenen Augenbrauen zu schauen. Weil damit alle Aufmerksamkeit in Selbstbeobachtung umgelenkt, die Begegnung mit anderen eingeschränkt wird. Der Neurotiker ist ein Mensch, der den tragischen Irrtum begeht, eine egozentrische Entwicklung für die Entwicklung seines wahren Selbst zu halten. Eine Berührung findet nicht statt. Keine geschlagenen Schlachten, keine Nachhutgefechte, keine Wege voller Knochensplitter, auf denen jemand läuft. Stattdessen gestaltloses Material, rauh, großartig. Ein Leben nach dem Geschmack der Zeit. Hübsch wie ein Foto, das man aufnimmt und danach nie wieder anschaut.