Die Frau im Café

Kah­ve Dün­yası, Güve­nev­ler Mah., Yenişe­hir, 16.10.2025

Sie steht auf, stellt ihr Glas ab, ein Iced Lat­te ver­mut­lich, erhebt sich von der Arm­leh­ne, dem Fels­vor­sprung ihres Glücks, der erhöh­ten War­te, auf der sie sitzt wie ein neu­gie­ri­ger Spatz, mit­samt ihrer Ernst­haf­tig­keit und ihrem ein­stu­dier­ten Lächeln, die Augen ver­sun­ken in der Unend­lich­keit ihrer Träu­me, inmit­ten der ver­schwom­me­nen Welt ihres ver­gilb­ten Pola­roid-Lebens mit sei­nen glanz­lo­sen Rän­dern, einer Alle­go­rie auf die ewi­ge Lie­be. Selbst zu zweit wür­de sie sich allei­ne füh­len, wie sie an ihrem Kaf­fee nippt an die­sem wack­li­gen Tisch, ver­lo­ren wie eine Mün­ze auf dem Asphalt. Jedes Objekt ist Staf­fa­ge: Die Pas­tell­far­ben sind auf­ein­an­der abge­stimmt, ohne sich zu ver­mi­schen, alles ist arran­giert, ohne ein Durch­ein­an­der zu bil­den, kein stö­ren­der Wider­spruch. Die Zwei­deu­tig­keit ihrer Kör­per­hal­tung ist voll­kom­men, das Bild per­fekt ver­wa­ckelt und fahl. Alles ähnelt sich und ist doch viel­fäl­tig bis ins Detail, per­fekt zusam­men­ge­setzt bis hin zur Andeu­tung eines hal­ben Lächelns, ele­gant und eben­mä­ßig. Nichts ragt her­vor, kei­ne Haar­sträh­ne, kein Blick. Alles wirkt ein­ge­fah­ren, gestellt. Man ist eben immer auch der, der man wer­den kann. Weil wir in eine Welt hin­ein­ge­bo­ren wer­den, in der sich nie­mand mehr die Zeit nimmt, der zu wer­den, der er ist. Weil wir befürch­ten, für die­se Welt zu häss­lich zu sein. Und weil die uns ängs­ti­gen­de Anders­heit der Ande­ren dann kei­ne Rol­le mehr spie­len muss, wenn alle das Glei­che im Sinn haben, näm­lich nur auf die eige­nen geschwun­ge­nen Augen­brau­en zu schau­en. Weil damit alle Auf­merk­sam­keit in Selbst­be­ob­ach­tung umge­lenkt, die Begeg­nung mit ande­ren ein­ge­schränkt wird. Der Neu­ro­ti­ker ist ein Mensch, der den tra­gi­schen Irr­tum begeht, eine ego­zen­tri­sche Ent­wick­lung für die Ent­wick­lung sei­nes wah­ren Selbst zu hal­ten. Eine Berüh­rung fin­det nicht statt. Kei­ne geschla­ge­nen Schlach­ten, kei­ne Nach­hut­ge­fech­te, kei­ne Wege vol­ler Kno­chen­split­ter, auf denen jemand läuft. Statt­des­sen gestalt­lo­ses Mate­ri­al, rauh, groß­ar­tig. Ein Leben nach dem Geschmack der Zeit. Hübsch wie ein Foto, das man auf­nimmt und danach nie wie­der anschaut.